No Thumbnail Image

Kommentar: Wo bleiben die anderen?

Dieser Artikel ist den folgenden Kategorien zugeordnet: Off-topic

Posted by Mark On November 23, 2009 ADD COMMENTS

Der tragische Tod von Robert Enke hat sicher alle sehr betroffen gemacht, gerade weil er sowohl sportlich wie auch menschlich eine herausragende Persönlichkeit war. Dennoch stört das, was Springer-Presse und Medien daraus machen gewaltig. Und auch einige andere Dinge sind mir unverständlich, die in diesem Leserkommentar aus der Zeitung wie ich finde sehr gut aufgearbeitet werden:

Fast zwei Wochen ist es her, jenes Ereignis, durch das -wie es immer wieder hieß- “Fußballdeutschland unter Schock” stand! Für einige Tage war man genötigt, die Schlagzeilen zu lesen, die Titelfotos zu sehen und kaum eine Nachrichtensendung kam ohne diese Information aus. Machne standen wirklich unter Schock, manchen war es egal, manche waren einfach nur genervt davon. Und mal ehrlich – haben die alle den Namen Robert Enke vorher gekannt? Oder haben nicht die meisten den Namen erst immer und immer wieder gehört, nachdem er seinem Leben ein jähes Ende setzte?

Dass er keinen anderen Weg sah aus seiner Lebenssituation, seinem Lebensgefühl, seinem Leidensdruck und sich vor einen Zug warf, ist schlimm – wo waren vorher die Freunde, die jetzt bekennen, sie hätten davon gewusst? Wo waren die, die jetzt sagen, Fußball sei nicht alles?

Gab es wirklich seit Konrad Adenauer kein Begräbnis, das solche Aufmerksamkeit und Massenbewegungen in Gang setzte? Es gibt viele Fragen, die dieses Ereignis aufwirft, wie zum Beispiel: haben die Betroffenen nichts anderes zu tun als am Tag danach eine Pressekonferenz zu geben oder aus der Therapie des Verstorbenen zu erzählen? Haben wir keine anderen Möglichkiten mehr, mit Tod und Trauer umzugehen als den Sprung in die Medien? Das wäre schade, denn so schnell wie Meldungen in den Medien wieder verklingen, so schnell würden wir auch zur Tagesordnung übergehen – anstatt aufmerksamer füreinander und für das zu werden, was wirklich im Leben zählt. Sind Tod und Trauer dann wieder etwas für die anderen?
Es gibt nämlich noch mehr Menschen, die keinen anderen Weg sehen, als ihr Leben zu beenden, deren Angehörige mit der Frage weiterleben müssen: Warum? Was haben wir übersehen?

Wo bleiben diese Menschen? Wo bleiben die deutlichen oder auch versteckten Hilferufe? Wo bleiben gerade auch die Lokführer, von denen viele nach solchen Unglücken nie mehr fähig sind, auf einer Lok zu stehen? Wo bleiben die Reisenden dieses und jedes anderen Zuges, der vom gewaltsamen Tod eines Menschen gestoppt wird? Wo bleiben die Hilfskräfte, wer denkt an sie? Wer steht denen bei, die nicht darüber reden mögen, dass Angehörige sich das Leben nahmen – weil viele das lieber vor der Umgebung verstecken? Wenn jemand gestorben ist, ist es für ihn zu spät, aber was für uns als Aufgabe bleibt, ist die Fürsorge füreinander und für die Angehörigen, die mit ihren Fragen zurückbleiben.

Regina Püschel
Leserkommentar Sonntags-Report 22.11.2009


 

Leave a Reply